Folklore, die es nicht gab

poetics and politics of fabric

Folklore, die es nicht gab

poetics and politics of fabric

Die Arbeit mit Stoff hat sich in unser Theaterarbeit zu einem allumfassenden Phänomen entwickelt, das nun auch die Grenzen der Bühne überschreitet. Im Laufe der Jahre fanden zahlreiche Ateliers statt, die care-ing, Kreativität und Erbe der hier zusammenkommenden Menschen würdigen. Jetzt befragen wir den Stoff: Wie heißt du? Woher kommst du? Bist du überall beliebt? Hast du ein zu Hause? Was gibt dir Energie? Was ist dein Wert? Wo ist deine Familie? Was ist deine Bedeutung? Bist du glücklich? Bist du spirituell? Gehörst du jemandem? Wie alt bist du? Wie kommst du von A nach B? Wo siehst du dich in 100 Jahren? und entwickeln zahlreiche emanzipatorische und künstlerische Formate für und mit der Labsa Community & Guests.

GESCHICHTE TRAGEN


Der kongolesische Speerwerfer Victor Mangwele *1930 brach am 2. Oktober 1955 seinen eigenen Landesrekord „für Belgien und die Kolonien“, mit einer Weite von 65,84 Metern. Zu diesem Anlass bedruckte die Firma Göcke & Sohn in Hohenlimburg tagesaktuell ein Stoff, der auch den Ort des Rekords, das „Stade Leo II“ in Elisabethville, seit 1966 Lubumbashi, zeigt. Der Drittplatzierte in der Darstellung ist Kabundi mit 59 Metern vgl. den Namen auf der Anzeigentafel. Quelle: Verein für Orts- und Heimatkunde, Hohenlimburg e.V.

Millionen von Menschen schätzen die Stoffe von Vlisco, Jansen & Julius und anderen niederländischen Stofffabrikanten, die seit über 150 Jahren den afrikanischen Markt und die Diaspora mit feinem Zwirn und schicken Mustern beliefern. Doch bleiben wir vorerst im Ruhrgebiet: bis 1966 produzierte Firma Habig in Herdecke Stoffe, die alleine für den afrikanischen Markt, vor allem für den Export nach Kongo bestimmt waren. In der Sammlung der LWL-Museen für Industriekultur befinden sich mehrere Objekte und Fotografien, die Produktionsbedingungen in Deutschland und Nutzung der Stoffe im kongolesischen Alltag zeigen. Das Konvolut steht für deutsche Kolonialgeschichte. Die exportierten und populär gewordenen Muster von Habig, Göcke, Vlisco & Co. werden heute als "typisch afrikanisch" wahrgenommen. Es ist nur ein negativer Aspekt des Kolonialismus auf dem Kontinent: Wax ein industriell gefertigtes Massenprodukt, dass zum größten Konkurrenten der traditionellen afrikanischen Textilien wurde.

ERBSCHAFTEN

VIDEO-DOKUMENTATION Fortune Walitza-Ndam ist in Begleitung von Sadia Ibrahim, Emilia Hagelganz und der Kamerafrau Maria Vogt nach Holland gefahren, um für eine Familienfeier in Baïgom Waxstoffe zu kaufen, aus denen festliche Kleidung genäht werden sollte. Dabei stößt das Recherche Team auf postkoloniale Symbole, wirkende Herrschaftsinstrumente und Rassismen in der Beziehung zwischen der Kund:in und dem Verkäufer.

RECHERCHE An der Seite der beiden Künstler:innen und cultural brokers Fortune Walitza-Ndam & Yacouba Coulibaly untersuchen die Komplitz:innen Adjara Coulibaly in Abidjan, Kadi Midimiho Ouattara Danawou Cécile in Paris und Anne Ndam in Baïgom ihre ganz persönlichen familiären Stoffquellen. Denn, die Mode auf dem afrikanischen Kontinent geht schon lange über das rein kommerzielle hinaus im Gegensatz zu Europa, sie ist an Kulturen, Ritten und Initiationswege gebunden. 

PERFORMANCES

29.09.2023/ 19 Uhr NICE TEXTURE LECTURE im Theater im Depot in Dortmund

29.11.2023/ 18:30 GIB MIR DEN STOFF im Stoffgeschäft R&L Textil in Dortmund

Mai 2024 NICE TEXTURE - Adjara Coulibaly veranstaltet gemeinsam mit ihren engsten Freund:innen eine Stoff Party in Abidjan um gemeinsam ihre eigene Stoffdepot zu öffnen. Diese Performance ist ein weiter Schritt für eine autobiografisch-zentrierte Theaterarbeit, die den fragilen Zustand einer Identität beleuchtet. Im Mittelpunkt stehen hier Stoffe, an den sich Menschen, eine gemeinsame Geschichte in verschiedenen Varianten erzählen.

Mai 2024 NICE TEXTURE - Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Arbeit an „Folklore, die es nicht gab“ ist die Würdigung der Erbschaft im Kontext der Migration. „Ich denke wir sollten anfangen zu schätzen was wir zuhause hatten“, so Aissatou Fortune Walitza-Ndam. Bewusstsein schaffen für die eigene Identität, für die eigene afrikanische Herkunft, darum geht es nicht nur den Modemacherinnen und Modemachern in Afrika, sondern auch vielen Menschen in der Diaspora. Fortune recherchiert zum Stoff-Erbe ihrer eigenen Familie. Die Erziehungswissenschaftlerin, Referentin für Rassismuskritische Arbeit und Performerin setzt einen Keil in den strukturell rassistischen Stoffhandel von Europa nach Kamerun: Sie gibt nach dem Design ihrer Mutter Anne Ndam selbst einen traditionellen Bamoun Stoff in Auftrag, handgefertigt vom Kunsthandwerker:inen aus Foumban. Und den vererbt sie an ihre Mutter.

15.06.2024/ 15-17 Uhr NICE TEXTURE - Das Transnationale Ensemble Labsa schlägt auf der Dachterrasse im Kunstmuseum Bochum auf und gibt Einblicke in ihren Arbeitszyklus Folklore, die es nicht gab. Ausgangspunkt sind die kolonialen Verwebungen, die sich beim Kauf eines Waxprintstoffs in den Niederlanden offenbart haben, zu dem Aissatou Fortune Walitza-Ndam aufgebrochen war. Daraufhin beschäftigen sich die Protagonist:innen Aissatou Fortune Walitza-Ndam und Danawou Cecile Kady Midimiho Ouattara mit ihren familiären Stoffquellen um sich Verflechtung von Magie, Geld und Erbe anzuschauen und entwickeln gemeinsam mit ihren Ensemble Kolleg:innen emanzipatorische Begegnungsformate. Vor der Performance findet ein gemütliches Einrichten auf der Dachterrasse statt. Gehostet wird das Ensemble von Emre Abut und Eva Busch im Rahmen der Ausstellung "Die Verhältnisse zum Tanzen bringen".

WORKSHOPS

14.06.2023/ 10-14 Uhr Ausstellungswerkstatt Das ist kolonial., LWL Museum Zollern in Dortmund Gäst:innen sind Studierende des Seminars für Kulturanthropologie des Textilen der Technischen Universität Dortmund. Anhand der Video-Dokumentation, zum Besuch eines holländischen Marktes für Waxstoffe, des Konvoluts Stoffe aus den 50er Jahren der Firma Habig und den handgearbeiteten Kostümen und Masken des Transnationalen Ensemble Labsa üben wir miteinander, über die Konstruktion des Selbst im Kontext der Kolonialgeschichte und unsere transkulturellen Beziehungen zu reflektieren. Durchgeführt von: Adam Amid Adam, Ange Kader Bolou, Bhavdeep Kumar, Emilia Hagelganz, Eric Ndam, Fortune Walitza-Ndam, Haymanot Tesfay, Job Nsungani, Kelly Demgne Kamdem, Slawa Al Ali, Vite Joksaite, Yacouba Coulibaly, Zofia Bartoszewicz

ATELIER: COUTURE ON FIRE

27.-29.09.2023/ 10-15 Uhr COUTURE ON FIRE - Näh_Atelier
im Theater im Depot

4.-5.03.2024/ 10-15 Uhr COUTURE ON FIRE - Näh_Atelier
im Tomorrow Kiosk

3.05.2024/ 11-20 Uhr COUTURE ON FIRE - Gestaltung von Stoffbahnen mit Alima Ibrahim, Amen Juvlja Mundial, Becky Beh Mpala und Champleins Ludovis Ngahenou mit gemeinsamen Family Food am Abend ab 18 Uhr
im Tomorrow Kiosk in Dortmund

14. + 17. 05.2024/ 10-16 Uhr COUTURE ON FIRE - Vor dem Laden von Rafique Ahmad (R&L Stoffmark, Nordmarkt 11 in Dortmund) gestalten wir gemeinsam Stoffbahnen. Ihr könnt mitmachen oder nur zuschauen und die Designerin Alima Ibrahim und das Näher:innen Kollektiv Amen Juvlja Mundial kennenlernen.

27.-28.05.2024/ 10-16 Uhr COUTURE ON FIRE - Raffen und Plissieren der Stoffbahnen mit der Designerin Alima Ibrahim und dem Näher:innen Kollektiv Amen Juvlja Mundial im Tomorrow Kiosk in Dortmund.

COMMUNITY GUESTS

08.09.2023 / 13-20 Uhr Ladies First im Tomorrow Kiosk, weitere Termine: 06.10./ 08.11./ 13.12.2013

05.05.2024/ 15-18 Uhr BATIR LE COMMUN - AM GEMEINSAMEN BAUEN. Interkontinentale Bezugnahmen auf das Erbe des Kolonialismus. Ein Gespräch mit Champleins Ludovis Ngahenou, Becky Beh Mpala, dem Transnationalen Ensemble Labsa und dem Team des Theater im Depot

Unsere Arbeit an Folklore, die es nicht gab wird im Rahmen des POWR!-Themenjahres durch die LWL Kulturstiftung gefördert. 1. April, 2024

 

Fotos von Betty Schiel und Jennifer Bunzeck