Folklore, die es nicht gab
poetics and politics of fabric
Folklore, die es nicht gab
poetics and politics of fabric
Das Projekt „Folklore, die es nicht gab“ setzt sich künstlerisch und forschend mit der kolonialen Geschichte europäischer Stoffproduktion und deren Auswirkungen auseinander. Ausgehend von einigen Metern Wax-Stoff, untersucht das Transnationale Ensemble Labsa gemeinsam mit Kompliz:innen aus Abidjan, Paris, Baïgom, Foumban und dem Ruhrgebiet die biografischen, spirituellen und historischen Dimensionen dieser Textilien – und schafft so einen Raum Erinnerung, Erbschaft und Widerstand.
Die Arbeit mit Stoff hat sich in unser Theaterarbeit zu einem allumfassenden Phänomen entwickelt, das schon lange die Grenzen der Bühne überschreitet. Im Laufe der Jahre fanden zahlreiche Ateliers Couture on Fire statt, die care-ing, Kreativität und Erbe der hier zusammenkommenden Menschen würdigen.
In "Folklore, die es nicht gab" befragen wir den Stoff selbst, den wir an unseren Körpern und in unseren Koffern zwischen unseren Heimat(en) tragen: Wie heißt du? Woher kommst du? Bist du überall beliebt? Hast du ein zu Hause? Was gibt dir Energie? Was ist dein Wert? Wo ist deine Familie? Was ist deine Bedeutung? Bist du glücklich? Bist du spirituell? Gehörst du jemandem? Wie alt bist du? Wie kommst du von A nach B? Wo siehst du dich in 100 Jahren? und entwickeln zahlreiche partizipative Formate wie Nice Texture, führen Workshops durch, drehen Videos, nähen ein Selbstporträt, ein Fallschirm, designen eine Kollektion, machen Modefotos und vor allem hören einander zu.

Geschichte tragen: Der kongolesische Speerwerfer Victor Mangwele *1930 brach am 2. Oktober 1955 seinen eigenen Landesrekord „für Belgien und die Kolonien“, mit einer Weite von 65,84 Metern. Zu diesem Anlass bedruckte die Firma Göcke & Sohn in Hohenlimburg tagesaktuell ein Stoff, der auch den Ort des Rekords, das „Stade Leo II“ in Elisabethville, seit 1966 Lubumbashi, zeigt. Der Drittplatzierte in der Darstellung ist Kabundi mit 59 Metern vgl. den Namen auf der Anzeigentafel. Quelle: Verein für Orts- und Heimatkunde, Hohenlimburg e.V.
Millionen von Menschen schätzen die Stoffe von Vlisco, Jansen & Julius und anderen niederländischen Stofffabrikanten, die seit über 150 Jahren den afrikanischen Markt und die Diaspora mit feinem Zwirn und schicken Mustern beliefern. Doch bleiben wir vorerst in Westfalen: bis in die 1960 Jahre produzierten die Stoffdruckereien Habig in Herdecke und Göcke & Sohn (davor Ribbert) in Hohenlimburg Stoffe, die alleine für den afrikanischen und asiatischen Markt bestimmt waren. In der Sammlung der LWL-Museen für Industriekultur befinden sich mehrere Objekte und Fotografien, die Produktionsbedingungen in Deutschland und Nutzung der Stoffe unter anderem im kongolesischen Alltag zeigen. Das Konvolut steht für deutsche Kolonialgeschichte: "Auf den Spuren der deutschen Kolonialarbeit knüpfte die Familie Ribbert Handelsbeziehungen." Die exportierten und populär gewordenen Muster von Habig, Ribbert, Göcke, Vlisco & Co. werden heute als "typisch afrikanisch" wahrgenommen. Es ist nur ein negativer Aspekt des Kolonialismus auf dem Kontinent: Wax ein industriell gefertigtes Massenprodukt, dass zum größten Konkurrenten der traditionellen afrikanischen Textilien wurde.

Foto: Hauptversammlung der Stoffdruckerei HABIG (1954)
Weitere historische Recherchen zur ehemaligen Stoffdruckerei Göcke & Sohn in Hohenlimburg zeigen die Verbindung von Textilproduktion, Kolonialhandel und NS-Zwangsarbeit. Betty Schiel und Emilia Hagelganz finden das Unternehmen auf der Liste (ns-in-ka.de) derjenigen, die im Nationalsozialismus von der Zwangsarbeit der Kriegsgefangenen profitiert haben. Bei genauerem Hinschauen auf die Namensliste der betroffenen Personen, durch Arolsen Archives zugänglich gemacht, wird klar, dass es sich vor allem um sehr junge Frauen handelt, die jüngste 13 Jahre alt. Die Frauen wurden zum größten Teil aus der ehemaligen UdSSR, unter anderem der Ukraine und Belarus, verschleppt. Als Zwangsarbeiter:innen produzierten sie im Unternehmen zuerst Fallschirme später ab 1944 Heck- und Ruderanlagen für die Flugbomben "V 1", die auch als (V)ergeltungswaffe bezeichnet wurden. Im hauseigenen Atelier COUTURE ON FIRE wird auf der Suche nach einer postdokumentarischen Erinnerung gemeinsam mit der Gastkünstler:in Yussra Alaswad ein Flugobjekt aus Stoff produziert.
SPRACHE + ERBE + ARCHIV= STOFF
Gleichzeitig geht es um persönliche Geschichten: So führt Aissatou Fortune Walitza-Ndam eine autobiografische Recherche zur Geschichte des Stoffs und ihrer Familie in Kamerun, befragt ihre Mutter Anne Ndam in Baïgom zu Erbschaft und Tod und gibt einen traditionellen Bamoun-Stoff in Auftrag. Denn, die Mode auf dem afrikanischen Kontinent geht schon lange über das rein kommerzielle hinaus im Gegensatz zu Europa, sie ist immer noch an kulturelle Identitäten, Ritten und Initiationswege gebunden. Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Arbeit an Folklore, die es nicht gab ist die Würdigung der Erbschaft im Kontext der Migration. „Ich denke wir sollten anfangen zu schätzen was wir zuhause hatten“, so Aissatou Fortune Walitza-Ndam. Bewusstsein schaffen für die eigene Identität, für die eigene afrikanische Herkunft, darum geht es nicht nur den Modemacherinnen und Modemachern in Afrika, sondern auch vielen Menschen in der Diaspora.
VIDEO-DOKUMENTATION Fortune Walitza-Ndam fährt in Begleitung von Sadia Ibrahim, Emilia Hagelganz und der Filmemacherin Maria Vogt nach Helmond, um bei Julius & Jansen für eine Familienfeier in Baïgom Waxstoffe zu kaufen, aus denen festliche Kleidung genäht werden soll. Dabei stößt das Recherche Team auf postkoloniale Symbole, als Kund:innen müssen sie auf die rassistische Behandlung von Seiten der weißen, männlichen Verkäufern reagieren.

Aissatou Fortune Walitza-Ndam, Adjara Coulibaly, Kadi Midimiho Ouattara Danawou Cécile teilen mit uns ihre persönlichen Stoffquellen
Sisterhood in Foumban: Aissatou Fortune Walitza-Ndam mit der Informatikerin und Weberin Nzie Mbouemboue Anetou.

Sisterhood in Abidjan: am 1.6.24 öffnet Adjara Coulibaly mit ihren Freund:innen persönliche Stoffdepots

Yacouba Coulibaly besucht die Weber in Bomizambo. Hier im ländlichen Gebiet werden handgewebte Baoulé Textilien hergestellt. Diese Kunst des Webens wurde traditionell vom Vater an den Sohn weitergegeben.
So entsteht in Folklore, die es nicht gab Zwischen Archiv, Performance, Choreografie und biografischer Spurensuche ein gemeinsamer Raum für Erinnerung, Austausch und künstlerische Verarbeitung

Das Musikvideo zum Song "Gib mir den Stoff" dreht das Ensemble beim Stoffdealer ihres Vertrauens R&L Textil in Dortmund.
TERMINE:
29.09.2023 - 19 Uhr NICE TEXTURE - Performance, Theater im Depot, Dortmund
29.11.2023 - 18:30 Uhr GIB MIR DEN STOFF - Performance, Stoffgeschäft R&L Textil in Dortmund
15.06.2024 - 15 Uhr NICE TEXTURE - Performance+Talk, Kunstmuseum Bochum in der Installation „Library of Stretching and Loosening up“ im Rahmen der Ausstellung "Die Verhältnisse zum Tanzen bringen". Gehostet von Emre Abut und Eva Busch. Zu Gast ist auch unsere langjährige Kompliz:in Danawou Cecile Kady Midimiho Ouattara aus Paris: im Koffer persönlicher Familien-Stoff und die Köch:innen Yuliia Pylypenko und Khrystyna Volohzhaninova mit Family Food.
26.10.2024 - 16 Uhr NICE TEXTURE - Performance+Talk wird im Rahmen der Ausstellung "das ist kolonial" im LWL-Museum Zeche Zollern, Dortmund in Kooperation mit 0+1 Festival
Nice Texture: Wie wird der Stoff ge- und vererbt? Auf diese und weitere Fragen suchen wir mit euch an diesem Nachmittag in einigen Metern Stoff Antworten. Nice Texture treibt einen Keil in den strukturell rassistischen Stoffhandel von Europa in die Westafrikanischen Länder. In biografischen, nostalgischen und fantastischen Sequenzen mit live Musik und Choreographien suchen wir Muster von Vernetzungen und Erinnerungen im Stoff und kreieren ein common space for remembrance, dialoge, and reflecture on transnational imperialistic relations. In französischer und deutscher Sprache. Von und mit: Aissatou Fortune Walitza-Ndam, Alima Ibrahim, Anna Buchta, Anna Hauke, Betty Schiel, Danawou Cecile Kady Midimiho Ouattara, Emilia Hagelganz, Eric Ndam, Eyaad Mostafa, Job Nsungani, Kumba Conde, Ralf Tibor Stemmer, Yacouba Coulibaly.
Am 14.06.2023 von 10-14 Uhr findet im LWL Museum Zollern in der Ausstellungswerkstatt "das ist kolonial" in Dortmund ein Workshop für Studierende des Seminars für Kulturanthropologie des Textilen der Technischen Universität Dortmund statt. Anhand der Video-Dokumentation, zum Besuch eines holländischen Marktes für Waxstoffe, des Konvoluts Stoffe aus den 50er Jahren der Firma Habig und den handgearbeiteten Kostümen und Masken des Transnationalen Ensemble Labsa üben wir miteinander, über die Konstruktion des Selbst im Kontext der Kolonialgeschichte und unsere transkulturellen Beziehungen zu reflektieren. Durchgeführt von: Adam Amid Adam, Aissatou Fortune Walitza-Ndam, Ange Kader Bolou, Bhavdeep Kumar, Emilia Hagelganz, Eric Ndam, Haymanot Tesfay, Job Nsungani, Kelly Demgne Kamdem, Slawa Al Ali, Vite Joksaite, Yacouba Coulibaly, Zofia Bartoszewicz



ATELIER COUTURE ON FIRE mit Alima Ibrahim, Anna Buchta, Anna Hauke, Aurica Rostas, Betty Schiel, Ciobana Trifan, Clara Gabor, Emilia Hagelganz, Georgeta Rostas, Job Nsungani, Kumba Conde, Maria Siminoc, Zuzana Gabor




27.-29.09.2023/ 10-15 Uhr COUTURE ON FIRE, Theater im Depot, Dortmund
4. und 5.03.2024/ 10-16 Uhr COUTURE ON FIRE, Tomorrow Kiosk, Dortmund
3.05.2024/ 10-20 Uhr COUTURE ON FIRE mit Special Guests: Champleins Ludovis Ngahenou & Rodriguez Tankoua mit einer Einführung in Tanz und Geschichte des Ambass Bey im Tomorrow Kiosk, Dortmund.
Der Ambass Bey ist ein traditioneller Tanz, der seinen Ursprung bei den Yabassi hat, im Bezirk Nkam in der Region Littoral von Kamerun. Er ist entstanden aus dem Zusammenleben von den Küsten-bewohner*innen und den Deutschen in der Zeit, in der Kamerun unter deutschem Protektorat stand. Zwischen verschiedenen Tänzen am deutschen Hof kreieren die Völker der Yabassi rund um das Jahr 1886 den Ambass Bey. Während der deutschen Kolonialzeit in Kamerun wurden viele verschiedene Tänze praktiziert. Dieser schliessen zum Beispiel die traditionellen Tänze Ndombolo und Libisinza ein. Es gab auch Tänze, die von den Kolonisten eingeführt wurden, wie der Walzer, die Polka und der Foxtrott, die zu formalen Anlässen wie Bällen getanzt wurden. Ausserdem hat der koloniale Einfluss auf die Traditionen auch Auslöschungen und Anpassungen der kulturellen Traditionen Kameruns vorgenommen, um sie den aufgezwungenen europäischen Normen anzugleichen. Die Teilnehmer*innen folgen den Spuren dieser Geschichte – bis in den eigenen Körper. Ab 18 Uhr wird gemeinsam gegessen.
5.05.2024 - 12 Uhr Bâtir le commun - AM GEMEINSAMEN BAUEN im Theater im Depot, Dortmund. Ein Gespräch mit Aissatou Fortune Walitza-Ndam, Betty Schiel, Champleins Ludovic Ngahenou, Emilia Hagelganz, Jens Heitjohann, Johanna Yasirra Kluhs, Rodriguez Tankoua über interkontinentale Bezugnahmen auf das Erbe des Kolonialismus. In Kooperation mit Partie Art.
14., 17., 27., 28.05.2024/ 10-16 Uhr/ COUTURE ON FIRE mit Gäst:in Yussra Alasward im Tomorrow Kiosk, Dortmund. Aus der kollektiven Kraft heraus, begeben wir uns auf die Suche nach einer postdokumentarischen Erinnerung und produzieren ein Flugobjekt aus Fallschirmstoff, eine Mode Collektion, Giraffendruck auf Stoff und Haar Extensions für Großmasken.
Ihr könnt bei allen Terminen mitmachen oder nur zuschauen und das Team kennenlernen.

Ein mal im Monat kommen wir im HOUSE OF TONGUE & MEMORIES zusammen, um kollektiv herausgebildete Erfahrungen, Rollen, Energien, Werte und Formen der Fürsorge, zu praktizieren und uns auszutauschen. Das Begegnungsformat findet in Komplizenschaft mit dem Empowerment Netzwerk der westafrikanischen Frauen Community Ladies First in Dortmund statt. Initiatorin des Netzwerks Ladies First ist die Erziehungswissenschaftlerin und Referentin für Rassismuskritische Arbeit Aissatou Fortune Walitza-Ndam. Termine: 08.09./ 06.10./ 08.11./ 13.12.2023 von 13-18 Uhr, Tomorrow Kiosk, Dortmund





Tomorrow Kiosk, Langestr. 98, 44137 Dortmund



