Theaterexpeditionen mit Theater Wegajty (PL)

 

Salecie (Belarus) - Bochum (Deutschland) - Wegajty (Polska)

Eine Reisecollage von Emilia Iwanowna Hagelganz, Schauspielerin

 

"Einem kleinen Mädchen wuchsen zwei blaue Bänder aus der Nase auf einem stand Mars geschrieben auf dem anderen Jupiter" Was?

Eine sanfte Forderung nach Expertenmeinung wird wach. Ein durchaus überzeugendes Prinzip unserer Zeit. Doch mit großer Unwahrscheinlichkeit bin ich keine und lasse mich genüsslich inspirieren von Daniiel Harms, Laurie Andersen, Swetlana Alexandrowna Alexjiewitsch und Krzysztof Gruse.



Sagen wir mal, da ist eine stabile Zivilisation.

Diese hat ihre erste atomare Lektion Tschernobyl erlebt.

Die Experten führen es zurück auf die Unvollkommenheit sowjetischer Kernreaktoren.

Der Schock war schnell wieder vorbei.

Radioaktivität tötet nicht sofort, und wenn jemand nach fünf Jahren Krebs bekommt, interessiert es niemanden mehr. 1,5 Milionen Menschen sind an den Folgen gestorben.

Und dann die zweite Lektion. Havarien in gleich elf japanischen Reaktoren, Fukushima.

Das friedliche Atom, von der Naturgewalt entfesselt.

Es ist zum Heulen. Doch das Heulen lernt man am Besten von den Wölfen. Das Heulen nutzt sich nicht so schnell ab, es fliegt man weiß nicht wohin... nach Weißrussland. Aber da ist doch die Grenze, WAAUUU! Ich hatte plötzlich Zweifel was besser ist: vergessen, im Gedächtnis bewahren oder sogar flüchten?


Flüchten aus dem Herkunftsland mit der Familie oder vor der Familie, vor dem Krieg, nach einer Umweltkatastrophe oder aus Abenteuerlust, z.B. auf eine Insel mit dem malerischen Namen Lampedusa. Es gibt Menschen für die ist Lampedusa kein Zauberwort, was Dinge ungeschehen machen kann. Im Ruhrgebiet angekommen werden Experten damit beauftragt, das Leben der Menschen auf der Flucht zu organisieren. Reisepässe werden eingezogen. Wenn dann einer von der Polizei aufgegriffen wird, muss er bis zur Ermittlung der Identität ins Gefängnis. Zubereitung von Essen im gesamten Haus ist nicht gestattet. Das ausgegebene Essen ist frei von Obst und Gemüse. Es gibt keine mediale Verbindung zur Außenwelt. Nur Security vor Ort, ein Teil der Experten für Menschen auf der Flucht, gegen die wurden jedoch schwere Vorwürfe der Diskriminierung und Drangsalierung erhoben. Da bleibt nur noch die Flucht ins Innere selbst.


Alzheimer. Und wenn ein Mann von seiner Frau auf die Station einer Kurzzeitpflege gebracht wird. Und die Experten sagen, hier wird ihr Mann angemessen versorgt und der Mann schlägt um sich und will wegrennen und andere ältere Menschen schreien: "Wir werden hier gefangen gehalten!". Und die Experten die Situation wieder unter Kontrolle bekommen. There is no problem.


Wioska Teatralna. Eine fortlaufende Plattform für praktische Kunst gegen das Ausschließen. Barrieren hier bei uns? Eine Mitarbeiterin des Festivals erzählt ergriffen mit Tränen in den Augen, eine im Rollstuhl sitzende Frau -Gast- hätte sich nicht auf dem Festival wiederfinden können.

Sanfte Gefühle des Versagens werden wach. Wir sind doch keine Experten.

Wie gut, wenn es auch hier passiert, also ich setze mich hin und trinke Tee, trinke Tee und denke: Festival, ein Mensch lädt ein anderen Menschen zu sich ein. Veranstaltungen auf unbefestigten Straßen, eine provisorische Toi Toi Toilette im Terene, keine Laternen nach Sonnenuntergang, Holzrampen ohne Geländer.

Experten, stellen sich als erstes die Frage: Wie bekomme ich Kontrolle? Wie bekomme ich die Situation unter Kontrolle? Sie steigen dem Problem aufs Dach. Das Problem kontrollieren. Denn wenn du das Problem kontrollierst, wirst du es auch lösen.

Dann wird beschlossen, nur vergrößerte Institutionen finanziell zu unterstützen, die Festivals in Warschau veranstalten, in einem Gebäude, mit Betonrampen und Stahlgeländern, großräumigen Toiletten mit automatischen Türöffnern, zu denen man durch raumgreifenden Flure gelangen kann. Den Menschen im Rollstuhl gehören, in von Experten kontrolliertem Raum.


Cause only an expert can see there is a problem and only an expert can deal with the problem.


 

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Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen...

eine Hommage an die Caravane Süd 2011 des Theaters Wegajty

ein Text von Emilia Hagelganz, Schauspielerin


August 2011 die Caravane des Theaters Wegajty bewegt sich auf den Meridianschnitt ...auf den Spuren der Frau mit der Weitsicht, Europa. Wer ist diese Frau und wo hat sie ihre Grenzen, in welche politischen Kleider steckt sie ihren fruchtbaren Boden und was für Menschen betanzen diesen?

Aber zuvor packe ich meinen Koffer und nehme mit : einen geistigen Begleiter: die aktuelle Ausgabe des europäischen Magazins Lettre international Heft Nr. 93 mit Zeichnungen von belgischen Maler, Dramatiker und Regisseur Jan Fabre; einem Erfahrungsbericht des Tötens von Arkadi Babtschenko und der berührenden Geschichte des chinesischen Schriftstellers der Gegenwartsliteratur Liao Yiwu. Sowie ein Hut gegen die explodierende Sonne. Das materielle Erbe einer aristokratischen Hochkultur zum Schutze der ewigen Blässe.

Ich werde die einzelnen Stationen der Reise umgehn, den es gibt einen einführenden Reisebericht meiner Kollegin Erdmute Sobaszek (http://wegajty.blogspot.com), die unermüdlich und in allen Lebensphasen das Geschehene kommentierte. Danke Mute!

Worauf ich eingehen möchte sind Ereignisse, die wie Wolkenherden auf die Erde stürzen.

Europa neu definieren!??! Dies ist die Aufgabe der Kunst, der Politik, wahrscheinlich von jedem einzelnen von uns. Und siehe da es bemühen sich schon europäische Bürger im Schutze des Wourd Wide Webs um die Propaganda der "Eurabia" These auf der ganzen Welt. Diese wurde vom dem Attentäter Breivik in seinem 1.500 seitigen Manifest ausgiebig ausformuliert und veröffentlicht. Das norwegische Massaker war ein Aufruf, das indigene europäische Blut zu verteidigen. Aber warum fürchten sich Bürger Europas so stark vor der arabischen Welt? Wo bleibt die Solidarisierung mit der jüngsten arabischen Revolution? Und wie kann es passieren, dass vor unseren Augen vor Lampidusa Menschen sterben müssen und dies nach europäischen Maßstäben? Dies ist ein Kleid Europas, eine sinnestäuschende Karawanserei, ohne freien Eintritt.

Und dann sind da diejenigen, die das Eintrittstor gefunden haben. In Albanien stolpert man an jeder Ecke über italienische Nummernschilder an luxuriösen Neuwagen. Doch wie sieht ein Leben aus, weit weg von den Lieben? Und was passiert wenn man in die vermeintliche Heimat zurückkommt?


Ein Tanzbär war der Kett entrissen, kam wieder in den Wald zurück, und tanzte seiner Schar ein Meisterstück auf den gewohnten Hinterfüßen. »Seht«, schrie er, »das ist Kunst; das lernt man in der Welt. Tut mir es nach, wenns euch gefällt, und wenn ihr könnt!« »Geh«, brummt ein alter Bär, »Dergleichen Kunst, sie sei so schwer, sie sei so rar sie sei!... (G.E.Lessing)


Viele dieser Tanzbären, so wie auch ich, sind in Europa Unterwegs, und sie haben gelernt unauffällig zu leben ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Mehr noch, sie beseitigen die Spuren der Gastgeber. Ilier, berichtete in Albanien, dass das Abfallproblem in Neapel unter anderem auf ein Migrantenstreik zurückzuführen ist. Naja, wenn die Zeit kommt sich in der Fremde heimisch zu machen, dann stößt es den Gastgebern bitter auf.


Hier sind Aktivitäten gefragt zum Überspannen von Hindernissen um die Versorgung der Kommunikation besser herzustellen und dann am Besten noch kreuz und quer. Unsere Meridianenexpedition ermöglichte es uns ein lebendiges Theater zu machen für Menschen, die bereit sind ein Brückenende auf ihre Seite zu stellen. Ich spüre, dass die Reise wie eine Akupunkturbehandlung das Qi wieder freier zum Fließen gebracht hat. Und ich würde mich freuen nächstes Jahr bei unseren Nachbarn und Gastgebern wieder vorbeizuschauen und noch mehr über die Frau mit der Weitsicht zu lernen.

 

Martin Rosie zur Aleluja Expedition 2015

 

Czegośmy pożądali
Tegośmy doczekali
Aleluja

Es dämmert, als ich am Theater Węgajty ankomme. Aus dem Wald hinter der Theaterscheune hört man nichts außer weit entferntem Wind in den Wipfeln und kalter Stille. Ich betrete den Vorraum des Theaters. Ein Kaminfeuer brennt, es ist eine sanfte Wärme, der die Wärme der Gesichter entspricht, die ich treffe – gut bekannte und unbekannte, halb bekannte und lang nicht gesehene. Sok alt es draußen ist, so warm und menschlich ist es hier drinnen. Es ist ein kleiner Kosmos, den ich betrete, ein Ort, an dem nicht allein Theater, sondern eine Welt entsteht, aus der heraus das Theater als einer von vielen winkenden Armen hervorlugt. Die Wärme des Kaminfeuers wird die nächsten Tage intensiver Arbeit in ein sanftes Rotgelb tauchen, auf das ich mich von Beginn an gerne einlasse.

Um zu beschreiben, warum es mich nach Węgajty zieht, einen Ort, der nicht eben in der Nähe meiner Heimat Berlin liegt, muss ich diesen Kosmos beschreiben, der die produktive Grundlage für die Arbeit an Liedgut und Improvisation ist. Mehr als alles andere ist das Theater Węgajty vielleicht der Rahmen, der diese Arbeit ermöglicht, vielmehr jedenfalls als die Arbeit selbst, die sich beinah organisch aus diesem Rahmen heraus ergibt. Für mich ist es das Aufgehobensein in diesem Rahmen, in diesem Kosmos, das mich an der Arbeit des Theaters reizt und seit 2011, als ich das erste Mal das sommerliche Theaterfestival besucht habe, immer wieder und immer häufiger nach Ermland-Masuren lockt. Es liegt eine Selbstverständlichkeit in dieser theatralen Arbeit, eine Körperlichkeit, die ich vor Ort spüren kann und der ich mich weder entziehen kann noch will.

Ich bin Teilnehmer an der 2015er Expedition anlässlich Alelujkas. Das Theater Węgajty unternimmt alljährlich zwei solcher Expeditionen: Die eine – Kolęda – führt zu Weihnachten in die Nähe der slowakischen Grenze nach Nowica, die andere – Alelujka – zu Ostern in die Region Suwalszczyzna in das Dorf Dziadówek. Das Ziel der Expedition besteht in zwei verschiedenen und doch miteinander verbundenen Aufgaben: Zum einen wollen wir, die 12 Teilnehmer der Expedition, die Tradition des Kolędowanie begehen, indem wir die Bewohner Dziadóweks zu Hause besuchen und ihnen osterliches Liedgut darbieten. Zum anderen entsteht in der knappen Woche der Vorbereitung eine Theaterperformance, die wir auf dem Bauernhof von Henryk Podbielski aufführen werden. Diesen beiden Aufgaben ist der Workshop gewidmet, der mit der Expedition nach Dziadówek sein Ziel und sein Ende findet.

Das übergeordnete Thema der Inna Szkoła Teatralna des Jahres 2015 lautet „mniej”, also „weniger”. Bereits Kolęda im Januar stand unter diesem Motto, und unter demselben Motto haben wir in der Gruppe zwischen dem 30. März und dem 7. April eine Theaterperformance entwickelt, deren Struktur maßgeblich aus Improvisationen hervorging. Die Improvisationen sind ihrerseits Ergebnis der überaus behutsamen und intimen Arbeitsweise des Theaters. In den Tagen des Workshops entsteht in gemeinsamen Tänzen, Übungen, Massagen und Wanderungen eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Vertrauens, die die unabdingbare Voraussetzung für die Arbeit an den jeweiligen Improvisationen ist, die wiederum am Ende in eine gemeinsame Performance zusammenfließen. Die vorbereitenden Übungen dienen daher vorrangig zweierlei: der Herstellung eines engen Vertrauensverhältnisses zwischen den Teilnehmern einerseits und der Öffnung der jeweiligen individuellen Persönlichkeit auf die Arbeit in der Gruppe und die Arbeit am eigenen Körper hin andererseits. Es ist daran nichts Künstliches. Das Authentische des Theaters besteht darin, dass nur gesucht und gefunden wird, was ohnehin schon da ist. Dieser konzentrierten Suche ist der theatrale Teil des Workshops gewidmet. In der Stille des Waldes und der warmen Atmosphäre des Theaters begeben sich jede und jeder für sich und trotzdem alle gemeinsam auf die Suche nach der je eigenen Ausdrucksform und dem eigenen Thema, bis schließlich alle Charaktere und alle Inhalte in die gemeinsame Performance zusammenfließen. Auf diese Weise gewinnt das Thema „mniej” eine Mehrdimensionalität, die so viele Seiten hat wie der Workshop Teilnehmer, und trotz der politischen Facette der Thematik, die die westliche Überflussgesellschaft zum Inhalt hat, fällt die Performance nie ins Dogmatisch-Moralische, sondern behält sich eine gewisse Spielerischkeit. Ich für mein Teil habe in Węgajty meine Hingezogenheit zur Bühne überhaupt erst entdeckt, denn hier ist die Bühne offen und tolerant, kennt weder Arroganz noch Dogmen und nimmt sich ihrer Themen und Teilnehmer ernsthaft an.

Der andere Teil des Workshops dient dem Erlernen des traditionellen Liedguts. In den nunmehr 25 Jahren des Kolędowanie ist in Węgajty eine beachtliche Sammlung von Liedern unterschiedlicher Tradition entstanden. Ob polnisch, ukrainisch, schwedisch oder deutsch, ob aus vorchristlicher Zeit oder ganz der Wiederauferstehung Jesu gewidmet, die Abende erklingen stets in den traurigen, fröhlichen, beschwingten, feierlichen Tönen der vielen Lieder und Tänze, die in der kurzen Woche zu erlernen sind. Auf dem Rückweg vom Theater zu unserer Herberge spüre ich stets noch die Melodien und Tanzschritte nach, bis sie in der Schwärze der ländlichen Nacht verschwinden.

Nachdem wir uns alle am Ostersonntag zu einem großen und feierlichen Osterfrühstück getroffen haben, beginnt mit der Fahrt in die Suwalszczyzna die eigentliche Expedition. Nach fünf Stunden kommen wir bei dichtem Schneefall in Dziadówek an. Ab jetzt erklingt beinah ununterbrochen Musik. Zu Hause bei den Gastgebern ohnehin, aber auch auf den langen Wegen zwischen den einzelnen Häusern. Die Musik knüpft ein Band zwischen uns allen als Gruppe und sogar zwischen uns und der umgebenden Landschaft, deren sich die Musik immer wieder neu annimmt. Auf einem Hügel stimmen wir Hirtenrufe an, die in der nächtlichen Landschaft in einem ortlosen Echo verklingen. Ein einsamer Baum auf einer Weide wird besungen und umarmt. Auf diese Weise wird das Singen zu einer verbindenden, religiös möchte man sagen: sakralen, segnenden Tätigkeit, in der viel Güte liegt. In dieser Güte werden wir, die Menschen und die Landschaft Eins.

Der Großteil der Güte ist natürlich für die Gastgeber bestimmt, die uns für kurze Zeit in ihren Häusern aufnehmen. In der Tat bekommen wir die Anstrengung, die wir auf uns genommen haben, um ein Vielfaches vergolten. Viele der Gastgeber sind sichtlich berührt und haben auch schon auf uns gewartet. Die meisten haben sogar Essen vorbereitet, in fast jedem Haus gibt es Kuchen, Salat, Eier, Schnitzel oder eingelegte Gurken zu essen, und ganz sicher gibt es überall Wodka, der uns von innen wärmt (und durchaus auch benebelt). Eine Gastgeberin hat sogar anlässlich der 25 Jahre Kolędowanie eigens einen Węgajty-Jubiläumskuchen gebacken. Auch wenn ich in den Gesprächen mit den Gastgebern schnell an meine sprachlichen Grenzen stoße, merke ich, dass ein Band geknüpft ist. Eine Ausgelassenheit liegt zwischen den Menschen, und spätestens wenn sich auch die Gastgeber dazu entschließen, in einen unserer Tänze einzustimmen, sind die beiden Gruppen – „wir” und „sie” – zu einer verschmolzen, wenn auch nur für einen kurzen Moment. In diesem kurzen Moment liegt der Sinn unserer ganzen Fahrt, und dieser Moment wiederholt sich beständig. Er wiederholt sich in der Verbindung zwischen uns als Gruppe, zwischen uns und dem Stein, dem Baum und der Nacht, er wiederholt sich von Haus zu Haus, er wiederholt sich als dieses Band, geknüpft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen diesem jetzigen Moment und der Tradition, die wir fortleben lassen.

Als wir abends, nachdem wir gefühlt unzählige Häuser besucht haben, auf dem Gutshof von Herrn Henryk eintreffen, werden wir bereits erwartet. Aus der ganzen Region sind Menschen gekommen, um unsere Aufführung zu sehen, und viele der Gesichter kennen wir schon, weil viele der Gäste kurz zuvor ihrerseits noch unsere Gastgeber waren. Unsere Inszenierung gelingt gut und wird von zahlreichen Zwischenrufen aus dem Publikum begleitet, das Spaß zu haben scheint. Am Ende geht die Performance nahtlos über in ein buntes Fest, bei dem die unterschiedlichsten Menschen in einen großen Tanz miteinander kommen. Zwischen Traktor und Kuhstall feiern die Menschen gemeinsam mit uns den Abend, das Spektakel, die Wiedergeburt Christi und nicht zuletzt sich selbst. Es sind die letzten Stunden der diesjährigen Alelujka-Expedition, und gegen Abend, als wir in unserem Gasthaus ankommen, sind wir müde und berauscht zugleich, ein wenig melancholisch wie auch beglückt, und gemeinsam mit ein paar anderen stehe ich noch eine Weile draußen und sehe von der kleinen Terasse aus dem Mond und der Nacht zu, bevor es dann am nächsten Tag zurück nach Olsztyn geht, wo sich unsere Wege wieder trennen werden.

Es bleibt das Gefühl einer Beglückung. Keiner oberflächlichen, schnell vergehenden, kein Rausch des Kurzgenusses, sondern vielmehr das Gefühl, Substanz gewonnen zu haben, etwas Bleibendes. Zwar ist viel zu viel passiert, als dass mein Hirn noch jede Einzelheit wiederaufrufen könnte, aber alles Einzelne ist übertönt von diesem Eindruck des glücklichen Standes, den man durch die Verbindung gewinnt. Es ist eine Verbindung, die mir in meinem Alltagsleben allzu oft fehlt, eine Verbindung zu anderen, mir zum Teil gänzlich fremden Menschen, mit denen in großer Herzlichkeit zusammenzukommen so einfach sein kann, eine Verbindung zu einer Gruppe, die ein gemeinsames Ziel hat und dieses nur gemeinsam erreichen kann, eine Verbindung mit einer Stille, in der die Dinge in Ruhe entstehen und wachsen, eine Verbindung nicht zuletzt auch zu mir selbst. Für einige Momente während unserer Expedition steht mir die Welt in friedlicher Transparenz gegenüber, mir öffnet sich ein Geheimnis, das keines ist, und ich weiß: Ich habe auf eine gespenstische Weise Klarheit gewonnen. Etwas in mir hat sich geöffnet, und auf einmal ist alles einfach. Vollkommen fremde Menschen von Herzen zu lieben ebenso wie einen ordnenden Mittelpunkt in den eigenen Bewegungen zu finden, auch noch im dichten Schneetreiben klar zu sehen ebenso wie vor vielen Menschen auf einer mir immer noch fremden Sprache zu sprechen. In dieser Einfachheit liegt eine große Wahrheit. Es ist diese Wahrheit, für die ich so gerne nach Węgajty komme und die ich auch beinah nur von hier kenne. Es ist die Wahrheit einer gemeinsamen Stille, aus der so viel Inspiration kommen kann, wenn man sich denn auf sie einlässt. Die große, vielleicht die größte Stärke des Theaters Węgajty ist es, sich in der eigenen Arbeit auf diese Stille, auf dieses große Vertrauen zu verlassen, bis dieses am Ende auf jeden einzelnen Teilnehmer und Besucher übergeht und sich in nichts anderem äußert als herzlicher Freude. Das Kaminfeuer, das mich ganz zu Beginn dieser ereignisreichen Woche begrüßt hatte, bleibt mir Sinnbild: Seine rotgelbe Wärme wäre ohne jene gleichzeitige Entäußerung von Licht und Hitze nicht denkbar, die es verzehrt und die es dennoch ist. Ohne dieses Geben ist kein Nehmen, und so ist das Feuer seine eigene Verzehrung. Aus dieser Verzehrung erst entsteht, was es ist, jene rotgelbe Wärme, die unsere gemeinsamen Tage begleitet hat. Möglicherweise funktioniert das Theater ganz ähnlich, und darüber hinaus vielleicht gar jeder Kontakt zu Mensch und Natur. Das Theater Węgajty versucht diesem gleichzeitigen Geben und Nehmen nachzuspüren, und es tut dies mit Behutsamkeit. Teil dieser suchenden Bewegung zu sein, ist der wahre Ertrag meiner Reise, auf der ich nicht zuletzt verborgene Teile meiner selbst gefunden habe in genau dem Maße, in dem ich unbekannte Teile der äußeren Welt entdeckt habe, einer Welt, für die ich wieder Dankbarkeit verspüre.