Text von Martin Rosie zur Aleluja Expedition 2015

 Czegośmy pożądali
Tegośmy doczekali
Aleluja

Es dämmert, als ich am Theater Węgajty ankomme. Aus dem Wald hinter der Theaterscheune hört man nichts außer weit entferntem Wind in den Wipfeln und kalter Stille. Ich betrete den Vorraum des Theaters. Ein Kaminfeuer brennt, es ist eine sanfte Wärme, der die Wärme der Gesichter entspricht, die ich treffe – gut bekannte und unbekannte, halb bekannte und lang nicht gesehene. Sok alt es draußen ist, so warm und menschlich ist es hier drinnen. Es ist ein kleiner Kosmos, den ich betrete, ein Ort, an dem nicht allein Theater, sondern eine Welt entsteht, aus der heraus das Theater als einer von vielen winkenden Armen hervorlugt. Die Wärme des Kaminfeuers wird die nächsten Tage intensiver Arbeit in ein sanftes Rotgelb tauchen, auf das ich mich von Beginn an gerne einlasse.

Um zu beschreiben, warum es mich nach Węgajty zieht, einen Ort, der nicht eben in der Nähe meiner Heimat Berlin liegt, muss ich diesen Kosmos beschreiben, der die produktive Grundlage für die Arbeit an Liedgut und Improvisation ist. Mehr als alles andere ist das Theater Węgajty vielleicht der Rahmen, der diese Arbeit ermöglicht, vielmehr jedenfalls als die Arbeit selbst, die sich beinah organisch aus diesem Rahmen heraus ergibt. Für mich ist es das Aufgehobensein in diesem Rahmen, in diesem Kosmos, das mich an der Arbeit des Theaters reizt und seit 2011, als ich das erste Mal das sommerliche Theaterfestival besucht habe, immer wieder und immer häufiger nach Ermland-Masuren lockt. Es liegt eine Selbstverständlichkeit in dieser theatralen Arbeit, eine Körperlichkeit, die ich vor Ort spüren kann und der ich mich weder entziehen kann noch will.

Ich bin Teilnehmer an der 2015er Expedition anlässlich Alelujkas. Das Theater Węgajty unternimmt alljährlich zwei solcher Expeditionen: Die eine – Kolęda – führt zu Weihnachten in die Nähe der slowakischen Grenze nach Nowica, die andere – Alelujka – zu Ostern in die Region Suwalszczyzna in das Dorf Dziadówek. Das Ziel der Expedition besteht in zwei verschiedenen und doch miteinander verbundenen Aufgaben: Zum einen wollen wir, die 12 Teilnehmer der Expedition, die Tradition des Kolędowanie begehen, indem wir die Bewohner Dziadóweks zu Hause besuchen und ihnen osterliches Liedgut darbieten. Zum anderen entsteht in der knappen Woche der Vorbereitung eine Theaterperformance, die wir auf dem Bauernhof von Henryk Podbielski aufführen werden. Diesen beiden Aufgaben ist der Workshop gewidmet, der mit der Expedition nach Dziadówek sein Ziel und sein Ende findet.

Das übergeordnete Thema der Inna Szkoła Teatralna des Jahres 2015 lautet „mniej”, also „weniger”. Bereits Kolęda im Januar stand unter diesem Motto, und unter demselben Motto haben wir in der Gruppe zwischen dem 30. März und dem 7. April eine Theaterperformance entwickelt, deren Struktur maßgeblich aus Improvisationen hervorging. Die Improvisationen sind ihrerseits Ergebnis der überaus behutsamen und intimen Arbeitsweise des Theaters. In den Tagen des Workshops entsteht in gemeinsamen Tänzen, Übungen, Massagen und Wanderungen eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Vertrauens, die die unabdingbare Voraussetzung für die Arbeit an den jeweiligen Improvisationen ist, die wiederum am Ende in eine gemeinsame Performance zusammenfließen. Die vorbereitenden Übungen dienen daher vorrangig zweierlei: der Herstellung eines engen Vertrauensverhältnisses zwischen den Teilnehmern einerseits und der Öffnung der jeweiligen individuellen Persönlichkeit auf die Arbeit in der Gruppe und die Arbeit am eigenen Körper hin andererseits. Es ist daran nichts Künstliches. Das Authentische des Theaters besteht darin, dass nur gesucht und gefunden wird, was ohnehin schon da ist. Dieser konzentrierten Suche ist der theatrale Teil des Workshops gewidmet. In der Stille des Waldes und der warmen Atmosphäre des Theaters begeben sich jede und jeder für sich und trotzdem alle gemeinsam auf die Suche nach der je eigenen Ausdrucksform und dem eigenen Thema, bis schließlich alle Charaktere und alle Inhalte in die gemeinsame Performance zusammenfließen. Auf diese Weise gewinnt das Thema „mniej” eine Mehrdimensionalität, die so viele Seiten hat wie der Workshop Teilnehmer, und trotz der politischen Facette der Thematik, die die westliche Überflussgesellschaft zum Inhalt hat, fällt die Performance nie ins Dogmatisch-Moralische, sondern behält sich eine gewisse Spielerischkeit. Ich für mein Teil habe in Węgajty meine Hingezogenheit zur Bühne überhaupt erst entdeckt, denn hier ist die Bühne offen und tolerant, kennt weder Arroganz noch Dogmen und nimmt sich ihrer Themen und Teilnehmer ernsthaft an.

Der andere Teil des Workshops dient dem Erlernen des traditionellen Liedguts. In den nunmehr 25 Jahren des Kolędowanie ist in Węgajty eine beachtliche Sammlung von Liedern unterschiedlicher Tradition entstanden. Ob polnisch, ukrainisch, schwedisch oder deutsch, ob aus vorchristlicher Zeit oder ganz der Wiederauferstehung Jesu gewidmet, die Abende erklingen stets in den traurigen, fröhlichen, beschwingten, feierlichen Tönen der vielen Lieder und Tänze, die in der kurzen Woche zu erlernen sind. Auf dem Rückweg vom Theater zu unserer Herberge spüre ich stets noch die Melodien und Tanzschritte nach, bis sie in der Schwärze der ländlichen Nacht verschwinden.

Nachdem wir uns alle am Ostersonntag zu einem großen und feierlichen Osterfrühstück getroffen haben, beginnt mit der Fahrt in die Suwalszczyzna die eigentliche Expedition. Nach fünf Stunden kommen wir bei dichtem Schneefall in Dziadówek an. Ab jetzt erklingt beinah ununterbrochen Musik. Zu Hause bei den Gastgebern ohnehin, aber auch auf den langen Wegen zwischen den einzelnen Häusern. Die Musik knüpft ein Band zwischen uns allen als Gruppe und sogar zwischen uns und der umgebenden Landschaft, deren sich die Musik immer wieder neu annimmt. Auf einem Hügel stimmen wir Hirtenrufe an, die in der nächtlichen Landschaft in einem ortlosen Echo verklingen. Ein einsamer Baum auf einer Weide wird besungen und umarmt. Auf diese Weise wird das Singen zu einer verbindenden, religiös möchte man sagen: sakralen, segnenden Tätigkeit, in der viel Güte liegt. In dieser Güte werden wir, die Menschen und die Landschaft Eins.

Der Großteil der Güte ist natürlich für die Gastgeber bestimmt, die uns für kurze Zeit in ihren Häusern aufnehmen. In der Tat bekommen wir die Anstrengung, die wir auf uns genommen haben, um ein Vielfaches vergolten. Viele der Gastgeber sind sichtlich berührt und haben auch schon auf uns gewartet. Die meisten haben sogar Essen vorbereitet, in fast jedem Haus gibt es Kuchen, Salat, Eier, Schnitzel oder eingelegte Gurken zu essen, und ganz sicher gibt es überall Wodka, der uns von innen wärmt (und durchaus auch benebelt). Eine Gastgeberin hat sogar anlässlich der 25 Jahre Kolędowanie eigens einen Węgajty-Jubiläumskuchen gebacken. Auch wenn ich in den Gesprächen mit den Gastgebern schnell an meine sprachlichen Grenzen stoße, merke ich, dass ein Band geknüpft ist. Eine Ausgelassenheit liegt zwischen den Menschen, und spätestens wenn sich auch die Gastgeber dazu entschließen, in einen unserer Tänze einzustimmen, sind die beiden Gruppen – „wir” und „sie” – zu einer verschmolzen, wenn auch nur für einen kurzen Moment. In diesem kurzen Moment liegt der Sinn unserer ganzen Fahrt, und dieser Moment wiederholt sich beständig. Er wiederholt sich in der Verbindung zwischen uns als Gruppe, zwischen uns und dem Stein, dem Baum und der Nacht, er wiederholt sich von Haus zu Haus, er wiederholt sich als dieses Band, geknüpft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen diesem jetzigen Moment und der Tradition, die wir fortleben lassen.

Als wir abends, nachdem wir gefühlt unzählige Häuser besucht haben, auf dem Gutshof von Herrn Henryk eintreffen, werden wir bereits erwartet. Aus der ganzen Region sind Menschen gekommen, um unsere Aufführung zu sehen, und viele der Gesichter kennen wir schon, weil viele der Gäste kurz zuvor ihrerseits noch unsere Gastgeber waren. Unsere Inszenierung gelingt gut und wird von zahlreichen Zwischenrufen aus dem Publikum begleitet, das Spaß zu haben scheint. Am Ende geht die Performance nahtlos über in ein buntes Fest, bei dem die unterschiedlichsten Menschen in einen großen Tanz miteinander kommen. Zwischen Traktor und Kuhstall feiern die Menschen gemeinsam mit uns den Abend, das Spektakel, die Wiedergeburt Christi und nicht zuletzt sich selbst. Es sind die letzten Stunden der diesjährigen Alelujka-Expedition, und gegen Abend, als wir in unserem Gasthaus ankommen, sind wir müde und berauscht zugleich, ein wenig melancholisch wie auch beglückt, und gemeinsam mit ein paar anderen stehe ich noch eine Weile draußen und sehe von der kleinen Terasse aus dem Mond und der Nacht zu, bevor es dann am nächsten Tag zurück nach Olsztyn geht, wo sich unsere Wege wieder trennen werden.

Es bleibt das Gefühl einer Beglückung. Keiner oberflächlichen, schnell vergehenden, kein Rausch des Kurzgenusses, sondern vielmehr das Gefühl, Substanz gewonnen zu haben, etwas Bleibendes. Zwar ist viel zu viel passiert, als dass mein Hirn noch jede Einzelheit wiederaufrufen könnte, aber alles Einzelne ist übertönt von diesem Eindruck des glücklichen Standes, den man durch die Verbindung gewinnt. Es ist eine Verbindung, die mir in meinem Alltagsleben allzu oft fehlt, eine Verbindung zu anderen, mir zum Teil gänzlich fremden Menschen, mit denen in großer Herzlichkeit zusammenzukommen so einfach sein kann, eine Verbindung zu einer Gruppe, die ein gemeinsames Ziel hat und dieses nur gemeinsam erreichen kann, eine Verbindung mit einer Stille, in der die Dinge in Ruhe entstehen und wachsen, eine Verbindung nicht zuletzt auch zu mir selbst. Für einige Momente während unserer Expedition steht mir die Welt in friedlicher Transparenz gegenüber, mir öffnet sich ein Geheimnis, das keines ist, und ich weiß: Ich habe auf eine gespenstische Weise Klarheit gewonnen. Etwas in mir hat sich geöffnet, und auf einmal ist alles einfach. Vollkommen fremde Menschen von Herzen zu lieben ebenso wie einen ordnenden Mittelpunkt in den eigenen Bewegungen zu finden, auch noch im dichten Schneetreiben klar zu sehen ebenso wie vor vielen Menschen auf einer mir immer noch fremden Sprache zu sprechen. In dieser Einfachheit liegt eine große Wahrheit. Es ist diese Wahrheit, für die ich so gerne nach Węgajty komme und die ich auch beinah nur von hier kenne. Es ist die Wahrheit einer gemeinsamen Stille, aus der so viel Inspiration kommen kann, wenn man sich denn auf sie einlässt. Die große, vielleicht die größte Stärke des Theaters Węgajty ist es, sich in der eigenen Arbeit auf diese Stille, auf dieses große Vertrauen zu verlassen, bis dieses am Ende auf jeden einzelnen Teilnehmer und Besucher übergeht und sich in nichts anderem äußert als herzlicher Freude. Das Kaminfeuer, das mich ganz zu Beginn dieser ereignisreichen Woche begrüßt hatte, bleibt mir Sinnbild: Seine rotgelbe Wärme wäre ohne jene gleichzeitige Entäußerung von Licht und Hitze nicht denkbar, die es verzehrt und die es dennoch ist. Ohne dieses Geben ist kein Nehmen, und so ist das Feuer seine eigene Verzehrung. Aus dieser Verzehrung erst entsteht, was es ist, jene rotgelbe Wärme, die unsere gemeinsamen Tage begleitet hat. Möglicherweise funktioniert das Theater ganz ähnlich, und darüber hinaus vielleicht gar jeder Kontakt zu Mensch und Natur. Das Theater Węgajty versucht diesem gleichzeitigen Geben und Nehmen nachzuspüren, und es tut dies mit Behutsamkeit. Teil dieser suchenden Bewegung zu sein, ist der wahre Ertrag meiner Reise, auf der ich nicht zuletzt verborgene Teile meiner selbst gefunden habe in genau dem Maße, in dem ich unbekannte Teile der äußeren Welt entdeckt habe, einer Welt, für die ich wieder Dankbarkeit verspüre.


Foto: Betty Schiel
Foto: Betty Schiel

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